Musculus – Gnade und Erlösung

Ach du frommer und gnädiger Herr Christe, du Sohn David, nimm dich meiner in großen Gnaden an und verstoß mich nicht von deinem Angesicht: du hast mich ja geschaffen da ich nichts war, du hast mich erlöset da ich verloren und verdammt war; ja da ich zum Tode verurtheilt war, hast du dich meinethalben in den Tod gegeben, und hast mich mehr als dich selber geliebet, indem du dein Blut für mich vergossen und mich dadurch theuer erkauft hast. So behalte mich nun, du frommer Herr Christe, in deiner Gunst, Liebe und Gnade; laß diese deine Gnade größer sein als meine Sünde, und vollende so mit Gnaden, was du mit Gnaden angefangen hast. Amen.

Aurelius Augustinus – Gnade

Herr Jesu Christe, der du mit deinem heiligen Munde selber sagtest, daß, wer da hungrig und durstig zu dir komme, den wollest du also speisen und tränken, daß ihn nimmermehr hungern und dürsten solle, ach Herr, hier kommt zu dir eine arme, nach deiner Speise und deinem Tranke, der ewigen Gerechtigkeit, hungrige und durstige Seele. Du Brunn des Lebens, tränke und erquicke mich mit deinem lebendigen Wasser; speise mich armen Hungrigen mit dem Brote des Lebens; reiche mir Armen und Elenden deine Hand und speise und tränke mich mit dem Brote und Wasser des Lebens, daß ich gesättigt und erquickt aus diesem Jammerthal zu dir hinauf in den Himmel mich erhebe, wo du sitzest zu Rechten deines himmlischen Vaters, und wo ich ohne allen Hunger und Durst in ewiger Freude frohlockend bei dir sei und dich sammt deinem Vater mit dem heiligen Geiste lobe und preise in alle Ewigkeit. Amen!

unbekannt – Gnade

Allmächtiger, ewiger, barmherziger Gott, der du bist von Herzen gütig, langmüthig und von vieler Güte, und läßt dich des Uebels reuen, wir bitten dich ganz demüthiglich, du wollest dein väterliches Angesicht nimmermehr von uns wenden in aller unserer Widerwärtigkeit, sondern deine gnädige und väterliche Hand bieten und reichen, und uns endlich von allerlei Jammer und Noth des Leibes und der Seelen ewiglich erlösen, durch Christum Jesum, deinen lieben Sohn, unsern Herrn. Amen.

Thomas von Kempen

Herr, mein Gott, aller wahren Güter Fülle! wer bin ich, daß ich zu dir zu reden mich unterfange? Dein ärmster Knecht bin ich, ein Wurm und kein Mensch, weit ärmer und verwerflicher, als ich es weiß und zu bekennen wage. Dennoch, o Herr, gedenke, daß ich nichts bin, nichts habe, nichts vermag, und du allein gut bist, gerecht und heilig, allmächtig und Alles erfüllest. Nur den Sünder lässest du leer, nur zu dem Sünder gehest du nicht ein. So gedenke doch deiner Barmherzigkeit und erfülle mein Herz mit deiner Gnade, der du alle deine Werke nicht unerfüllt lassen willst. Wie kann ich mich ertragen in diesem elenden Leben, wenn deine Barmherzigkeit und Gnade mich nicht stärkt? Wende dein Angesicht nicht von mir, verzeuch nicht, dein Geschöpf heimzusuchen, nimm deinen Trost nicht von mir, daß meine Seele nicht vor dir sei wie ein dürres Land! Herr, lehre mich deinen Willen thun; lehre mich würdig und demüthig vor dir wandeln; denn du bist meine Weisheit, der du mich nach der Wahrheit kennst, und mich erkannt hast, ehe denn die Welt war und ehe ich das Licht des Lebens schaute.

Allgemeines evangelisches
Gesang- und Gebetbuch
Hamburg 1846
Agentur des Rauhen Hauses

Bonifacius Stölzlin

Gnädiger Gott! brich mit deiner Gnade hervor wie die schöne Morgenröthe, und laß auch mein Licht, Glück und Wohlfahrt hervorbrechen und meine Besserung schnell wachsen, um Jesu Christi willen. Amen, Amen.
*B. Stölzlin*

/Mag. Bonifacius Stölzlin, geb. zu Giengen in Schwaben den 7. Juni 1603, starb als Pfarrer zu Kuchheim im Ulm’schen den 22. April 1677/

Andreas Musculus – Vergebung

Ob ich gleich ein armer Sünder bin, und mich meine großen Missethaten quälen und zaghaft machen, bin ich doch zufrieden und fröhlich, wenn ich deine Wunden anschaue, die voller Gnade und Barmherzigkeit sind: in ihnen sehe ich, wie gar freundlich und lieblich du bist gegen alle dürftige und betrübte Herzen, welche du allesamt labest und erquickest, und lässest deine Gnade kein Ende nehmen. Wer viel begehrt, der findet viel, noch mehr als er bittet und hoffet. In der Hoffnung und Zuversicht komme ich, Herr Christe, zu dir und bitte um große Gnade, denn meine Sünden sind groß: heile mich, Herr Christe, und entstündige mich von meinen großen Missethaten durch dein heiliges Blut.

Laß deine Gnade größer sein als meine Uebertretung, nimm mich als ein armes verlornes Schaf in Gnaden an, bringe mich wieder zurecht und trage mich auf deinen Schultern, leite und führe mich im Verdienst deines Leidens und Sterbens zum ewigen Leben. Amen.

Allgemeines evangelisches
Gesang- und Gebetbuch
Hamburg 1846
Agentur des Rauhen Hauses

Alkuin – Gnade

Vor Dir, o Herr, der Du gesprochen hast: Ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß sich der Gottlose bekehre von seinem Wesen und lebe, Millich mein ganzes Herz enthüllen. Wie die Sterne des Himmels und wie der Sand am Meere, so unzählbar ist meiner Sünden Menge. Siehe auf mich in Gnaden herab und erbarme Dich meiner. Oeffne den Quell meiner Augen, vergönne mir einen Blick in das Geheimniß Deiner Erlösung und nimm mich als Glied am Leibe Deiner Kirche auf durch Jesum Christum, Deinen Sohn, unsern Herrn und Heiland, der mit Dir und dem heiligen Geiste lebet und regieret von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!

Gerson – Bitte um Erbarmen

O Jesu Christe, du Richter der Welt, ich unwürdiger Sünder rufe mit Zittern und Beben zu Dir: Strafe mich nicht in Deinem Zorne und züchtige mich nicht in Deinem Grimme. Ich bin tief zerrissen, meine Kraft ist sehr gebrochen; erbarme Dich meiner und bekehre mich zu Dir. O es ist eine drückende Last, durch die Finsterniß irdischer Begierden von der Reinheit und Klarheit Deines himmlischen Lichtes immerdar verdrängt zu werden. Komm, o Herr, und befreie meine Seele, rotte die Dornen aus, von welchen sie zerstochen wird, laß Thränenströme aus Herz und Augen hervorbrechen. Siehe, meine Sünden haben mich des ewigen Todes schuldig gemacht, aber Deine Barmherzigkeit kann mich noch retten. So verscheuche denn die Nacht der Laster und laß aufgehen über mir den hellen Tagesschein Deiner Gnade und Liebe. O Heil mir, daß ich hoffen darf, daß Du meine Sünden vergeben und meine Missethaten bedeckt hast.

Christian Wilhelm Spieker – Gnade und Glaube

Getreuer Gott und Vater, dir sei Preis für alle deine Güte, daß du mich ruhen lassen unter dem Schatten deiner Flügel. Laß mich desto mehr die künftige Zeit über zu deiner Liebe erweckt werden, daß ich nicht begehre zu leben ohne in dir, und was ich noch lebe, im Glauben deines Sohnes lebe, ja daß er mein wahres Licht und Leben werde. Hierzu übergebe ich mich dir von Neuem in deine Reinigung und Regierung.

Laß durch den Glauben Christum in meinem Herzen wohnen, daß er die Früchte des Glaubens in mir wirke, als Liebe, Hoffnung, Demuth, Sanftmuth und Geduld. Lehre mich keine Lust verlangen als deine Liebe, keinen Vortheil, als die Schätze deiner Gnade, keine Ehre, als deine Kindschaft. Für das Zeitliche laß mich nicht ängstlich sorgen, denn du wirst mich nicht verlassen noch versäumen. Heilige und benedeie das Werk meiner Hände, und neben mir Alle, die dich suchen. Ja, breite deine Barmherzigkeit über alle Menschen aus und rette jeden von dem Verderben, worin er gefangen ist oder das ihn bedroht, vornehmlich die Feinde deiner Wahrheit.

Insbesondere empfehle ich deiner Leitung alle die Meinigen, auch meine Oberen und Vorgesetzten. Erbarme dich des Mangels und Bedarfs in allen Ständen und mache der Bosheit und den Aergernissen ein Ende, hilf allen Nothleidenden und Kranken, und sei uns Allen gnädig, daß du uns deinen Frieden gebest im Namen Jesu! Amen.