Andreas Musculus – Bewahrung

Du frommer getreuer Gott und Vater unsers lieben Herrn Jesu Christi, dich bitte ich von Herzen, du wollest mich in meiner Noth nicht verlassen, sondern mit dem Licht deines wahren Erkenntnisses erleuchten, daß ich in demselbigen aus dieser Finsterniß zu dir, dem ewigen Licht, möge wandeln. O Herr, sei du bei mir, wenn ich sterben soll, stehe du zu meiner rechten Hand, wenn ich soll meinen Geist aufgeben, errette mich aus der Hand des Feindes, tröste und stärke mich, erhalte mich in deiner Erkenntniß und festem starkem Vertrauen auf deine große Gnade und Barmherzigkeit. Ach Herr Gott, laß das letzte Wort deines lieben Sohnes am Stamme des Kreuzes auch mein letztes Wort sein, daß ich mit starkem und gläubigem Vertrauen in dem Herzen darf sagen: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist, denn du hast mich erlöset, du getreuer Gott. Im Fall aber, da ich aus Schwachheit und Größe meiner Krankheit solches mit dem Munde nicht könnte ausreden, so laß doch mein Herz also in der Stille zu dir rufen und seufzen. Amen.
*Andreas Musculus*

Gebetbuch,
enthaltend
die sämmtlichen Gebete und Seufzer
Dr. Martin Luther’S,
wie auch Gebete
von
Melanchthon, Bugenhaben, Matthesius, Habermann, Arnd
und anderen Gott-erleuchteten Männern.
Herausgegeben
vom
evangelischen Bücherverein
Berlin, 1849.
Im Magazin des Vereins, Klosterstraße No. 71

Friedrich Arndt – Gebet

Herr, göttlicher Mittler, erbarmungsreicher Heiland, nimm uns gnädig an, heilige Dir selbst unsere Seelen, und verwirf uns arme Sünder nicht. Unsere Herzen sind bewegt von dem Anblick deiner liebenden Leiden und deiner leidenden Liebe, Du Mann der Liebe und der Schmerzen; o laß diese Bewegung bleiben, laß sie die stehende Grundstimmung unseres Inneren werden, laß Dein Marterbild und begleiten in die Freuden und Arbeiten, in die Schmerzen und Thränen des Lebens hinein. Wenn die Weltlust uns lockt, unsere Dir geweihete, Dir gehörende Seele vergiften will, und es darauf anlegt, uns von Dir wieder loszureißen und in ihren Jammer zurückzuziehen: Herr, tritt dann in Deiner Kreuzesgestalt vor unsere Seele, zeige uns deine Wunden und rufe uns zu: das that ich für dich, was thust du für mich? Wenn die Sünde, die Versuchung, der Unglaube, die Zweifellust, der Unfriede, die Thorheit und Klügelei uns nahet, und unsere Seele schwankt zwischen Deinem Gebot und der Lust der Sinne, wenn unser Gebet, unsere Liebe zu Dir ermatten will und der Kampf nachzulassen, der Feind zu siegen scheint: Herr, dann tritt in dem Bilde Deiner Leiden und Schmerzen vor uns hin, dann erinnere uns an Dein Kämpfen, Dein Ringen, Dein Bluten für uns, dann zeige uns den Preis, um deßwillen wir erlöset sind, und gieb uns neue Kraft und Stärke, daß wir das Feld behaupten und sprechen: wie könnt ich solch ein Uebel thun, und wider den Herrn meinen Gott sündigen? Wenn des Lebens Trübsale uns niederdrücken, die Noth steigt, die Menschen uns verlassen, die Unsrigen sterben, Alles um uns her die Oede und Wüstenei zu Werden droht, dann, Herr, ja dann laß uns sehen Deine Geduld, deine Ergebenheit, Deine Sanftmut und Liebe, Dein Gottvertrauen, und in dem Anschauen Deiner Herrlichkeit Frieden und Ruhe finden für unsere Seele. Wenn endlich unser Sterbestündlein schlägt und wir den letzten Gang gehen sollen, unsere Augen nicht mehr sehen werden, unser Ohr nicht mehr hören wird, unsere Lippen nicht mehr seufzen können, dann laß den Blick auf Dich, die Erinnerung an Deine letzten Worte unser Labsal sein in unserer allerletzten Noth, dann reiche uns Deine durchgrabene Hand führe uns durchs dunkle Todesthal und nimm uns auf in Deine ewige Herrlichkeit.

Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir;
Wenn ich den Tod soll leiden,
So tritt Du dann herfür;
Wenn mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
So reiß mich aus den Aengsten
Kraft Deiner Angst und Pein.
Erscheine mir zum Schilde,
Zum Trost in meinem Tod,
Und laß mich sehn Dein Bilde
In deiner Kreuzesnoth.
Da will ich nach Dir blicken,
Da will ich glaubensvoll
Dich fest an mein Herz drücken
Wer so stirbt, der stirbt wohl. Amen.

Georg Friedrich Blaul – Gebet um ein seliges Ende

Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muss. Siehe, meine Tage sind einer Hand breit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben. Bewahre mich, o Gott, vor dieser Sicherheit, die niemals an das Ende denkt, und lass mich jeden Tag betrachten als ein Gnadengeschenk von dir, zur Vorbereitung auf den letzten meiner Tage. Ich weiß ja nicht, wann dieser kommen wird; du könntest mich schnell hinwegnehmen, und was wäre ich vor dir, wenn ich also sicher in meinen Sünden dahinstürbe? Deine Gnade zwar ist groß und bei dir viel Vergebung; wie sollt‘ ich aber mein Ende erst herankommen lassen, und nicht täglich diese Gnade finden? Nein, Herr, so wie ich bitte: Gib mir mein tägliches Brod! so bitte ich dich auch: Vergib mir meine Schuld! Führe mich in einem christlichen Wandel dem Ziele meiner Tage zu, im festen Glauben an die tröstlichen Verheißungen, die du durch Jesum Christum auch mir gegeben; und lass mich dann einen zufriedenen Rückblick auf mein vergangenes Leben werfen, den der Schmerz eines bösen Gewissens nicht trübt. Aber auch den bitteren Kelch eines langen körperlichen Leidens lass an mir vorüber gehen, wenn es möglich ist. Doch dein Wille geschehe! Rufe wann und wie du willst, ich bin bereit, und will mich immer mehr bereiten. Doch das darf ich wohl bitten, du wollest das Maaß deiner Gnade voll machen,

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt mich nehmen
Durch einen sanften Tod:
Lass, wenn du mich genommen,
Mich in den Himmel kommen,
Du, unser Herr und unser Gott.Amen.

Martin Luther – Im Tode, und um ein seliges Sterbstündlein.

Ich bin ein armer Sünder, das weißt du, mein lieber Herr! aber du hast dich mir lassen vorbilden durch deinen lieben Sohn, Jesum Christum, daß du wolltest mir gnädig seyn, die Sünde vergeben, und von keinem Zorn und Verdammniß wissen, und heißest mich solches glauben und nicht zweifeln; darauf verlasse ich mich, und will fröhlich darauf hinfahren rc.

Christus, unser lieber Gott, Herr und Heiland, sey uns gnädig, daß wir nicht in Anfechtung fallen, sondern erhalte uns rein, unsträflich, einfältig, in seinem reinen Glauben, und erlose uns von allem Uebel durch einen seeligen Abschied von diesem Jammerthal, das ist, aus dem Reich des leidigen Teufels und seiner Welt, dem sey Lob und Dank mit dem Vater und heiligen Geist in Ewigkeit. Amen.

Ob ich gleich das Gesetz nicht erfülle, ob noch wohl Sünde vorhanden ist, und mich vor dem Tod und vor der Hölle fürchte, so weiß ich doch dieß aus dem Evangelio, daß mir Christus alle seine Werke geschenket und gegeben hat. Deß bin ich gewiß, er leuget nicht, seine Zusage wird er wahrhaftig halten, und deß zu einem Zeichen habe ich die Taufe empfangen. Denn also spricht er (Marc. 16, 15. 16) zu seinen Aposteln und Jüngern: Gehet hin in alle Welt, und prediget das Evangelium allen Kreaturen. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden, wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden. Darauf verlasse ich mich. Denn das weiß ich, daß mein Herr Christus den Tod, die Sünde, Hölle und Teufel, Alles überwunden hat, mir zu gut. Denn er war unschuldig, wie Petrus (1 Br. K. 2, 22) sagt: Welcher keine Sünde gethan hat, ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden. Darum hat ihn die Sünde und der Tod nicht können würgen, die Hölle hat ihn nicht können behalten, und ist also ihr Herr worden, und solches geschenket Allen denen, die es annehmen und glauben. Welches Alles geschieht nicht aus meinen Werken oder Verdienst, sondern aus lauter Gnade, Güte und Barmherzigkeit.

Allmächtiger, ewiger, barmherziger Herr und Gott, der du bist ein Vater unsers lieben Herrn Jesu Christi! Ich weiß gewiß, daß Alles, was du gesagt hast, du auch haben willst und kannst. Denn du kannst nicht lügen, dein Wort ist wahrhaftig. Du hast mir im Anfang deinen lieben Sohn, Jesum Christum, zugesagt; derselbige ist kommen, und hat mich vom Teufel, Tod, Hölle und Sünden erlöset. Darnach zu mehrerer Sicherheit aus gnädigem Willen mir die Sakrament der Taufe und des Altars geschenkt, darinnen mir angeboten Vergebung der Sünden, ewiges Leben und alle himmlischen Güter. Auf solches sein Anbieten hab ich derselbigen gebraucht, und im Glauben auf sein Wort mich fest verlassen, und sie empfangen. Derhalben ich gar nicht zweifle, daß ich wohl sicher und zufrieden bin vor dem Teufel, Tod, Höll‘ und Sünde. ist dieß meine Stunde, und dein göttlicher Wille, so will ich friedlich, mit Freuden auf dein Wort gerne von hinnen scheiden. Amen.

Martin Luther – Trostgebet

Allmächtiger, ewiger, barmherziger Herr und Gott, der du bist ein Vater unsers lieben Herrn Jesu Christi, ich weiß gewiß, daß alles, was du gesagt hast, auch aben willt und kannst; denn du kannst nicht lügen, dein Wort ist wahrhaftig. Du hast mir im Anfang deinen lieben einigen Sohn JEsum Christum zugesaget; derselbige ist kommen, und hat mich vom Teufel, Tod, Höll und Sünden erlöset; darnach, zu mehrer Sicherheit, aus gnädigem Willen, mir die Sacrament der Taufe und des Altars geschenkt, darinnen mir angeboten Vergebung der Sünden, ewiges Leben und alle himmlischen Güter. Auf solches sein Anbieten hab ich derselbigen gebraucht, und im Glauben auf sein Wort mich feste verlassen, und sie empfangen. Derhalben ich gar nicht zweifel, daß ich wohl, sicher und zufrieden bin fur Teufel, Tod, Hölle und Sünde. Ist dieß mein Stunde, und dein göttlicher Wille, so will ich friedlich mit Freuden auf dein Wort gerne von hinnen scheiden, Amen.

Martin Luther – Gebet vor seinem Tod

Herr Gott, himmlischer Vater! Ich rufe dich an im Namen deines lieben Sohnes, unsers Herrn Jesu Christi, den ich durch deine Gnade bekennet und geprediget habe, du wollest mich nach deiner Zusage zu deines Namens Ehre gnädiglich auch in diesem erhören, nachdem du mir nach deiner großen Barmherzigkeit, nach deinem gnädigen Willen, geoffenbaret hast den großen Abfall, Blindheit und Finsterniß des Papstes, vor deinem heiligen Tage, welcher nicht ferne, sondern vor der Thüre ist, so auf das Licht des Evangelii erfolgen soll, und jetzo in aller Welt angehet, du wollest doch die Kirche meines lieben Vaterlandes bis zum Ende, ohne Abfall, in reiner Wahrheit und Beständigkeit, rechter Erkenntniß deines Worts gnädiglich erhalten, auf daß die ganze Welt überzeugt werde, daß du mich darum gesandt hast. Ach lieber Herr Gott, Amen, Amen.

O mein himmlischer Vater, ein Gott und Vater unsers Herrn Jesu Christi, du Gott alles Trostes, ich danke dir, daß du mir deinen lieben Sohn, Jesum Christum, offenbaret hast, an den ich glaube, den ich geprediget, und bekannt habe, den ich geliebt und gelobet habe, welchen der leidige Pabst und alle Gottlosen schänden, verfolgen und lästern; ich bitte dich, mein Herr Jesu Christ!, laß dir mein Seelchen befohlen seyn. O mein himmlischer Vater, ob ich schon diesen Leib lassen, und aus diesem Leben hinweggerissen werden muß; so weiß ich doch gewiß, daß ich bei dir ewig bleibe, und aus deinen Händen mich Niemand reißen kann. – Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebornen Sohn gab, auf daß Alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Wir haben, einen Gott, der da hilft, und einen Herrn Herrn, der vom Tod errettet. – Ich fahre dahin; meinen Geist werde ich aufgeben: Vater, in deine Hände befehl ich meinen Geist; du hast mich erlöset, du getreuer Gott! Vater, in deine Hände befehl ich meinen Geist; du hast mich erlöset, du getreuer Gott! Vater, in deine Hände befehl ich meinen Geist; du hast mich erlöset, du getreuer Gott!

Thomas von Kempen – Sterbegebet

Komm, Herr Jesu, und nimm mich hinweg aus dem fremden Lande, hole mich ins Vaterland und bringe mich in das verlorne Paradies zurück. Komm, mein Erlöser, und laß mich Theil nehmen an Deiner ewigen Herrlichkeit. Zeit ist es, daß ich zu Dir gelange, Zeit, daß Du meinen Leib der Erde schenkst, von der er genommen ist. Ich sorge nicht sehr, wo man ihn hinlegen und wie man ihn behandeln mag; wenn nur der Geist wohlbehalten zu Dir kommt. Herr, in Deine Hände befehle ich meinen Geist; mein Fleisch mag in Hoffnung ruhen, bis Du es am jüngsten Tage erwecken wirst. O erwünschter Tag, o gesegnete Stunde, da ich Dein Antlitz schauen soll! O Sohn Gottes, der Du mich durch Dein heiliges Blut erlöset hast, nimm mich nun auf in Dein Reich; denn es verlangt mich herzlich, mit Dir Ostern zu feiern!