Gebet der Unterthanen für ihre Obrigkeit.

Ach Gott, du Herr aller Herren und König aller Könige, du Herrscher über den ganzen Erdkreis, der du alle Obrigkeit hast eingesetzt und gesagt durch deinen werthen Apostel: Es ist keine Obrigkeit, sie ist von Gott geordnet; und wer der Obrigkeit widerstrebet, der widerstrebet Gottes Ordnung: gieb mir, lieber Vater, und lehre mich, daß ich die Obrigkeit für deine Ordnung erkenne, dieselbe fürchte, liebe und ehre; und verleihe Gnade, daß ich und alle Unterthanen durch sie mit Gerechtigkeit regieret werde und von ihnen Schutz habe, daß ich unter ihnen ein stilles, geruhiges Leben fuhren möge in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Und weil du, lieber Vater, der Könige Herzen in deiner Hand hast und leitest dieselben, wie die Wasserbäche, so regiere auch unsre liebe Obrigkeit mit deinem heiligen Geist, daß sie vor allen Dingen Gottes Wort lieb haben, ihre Thore weit machen und die Thüren in der Welt hoch, daß bei ihnen und in ihren Landen der König der Ehren einziehe, der Herr Zebaoth, stark und mächtig im Streit; daß sie Pfleger und Säugammen seien deiner heiligen christlichen Kirche; daß sie deinen lieben Sohn küssen, daß er nicht zürne; daß sie dem Herrn dienen mit Furcht und sich freuen mit Zittern. Gieb ihnen deine himmlische Weisheit, die um deinen Thron ist. Denn durch dieselbe regieren die Könige, und die Rathsherren setzen das Recht. Gieb, daß sie hören das Geschrei der Armen, und der Wittwen und Waisen Recht nicht beugen. Laß sie fürstliche Gedanken haben und darüber halten. Gieb ihnen die Glückseligkeit Davids, die Weisheit Salomonis und die Sieghaftigkeit Josuas. Gieb ihnen die Liebe der Gerechtigkeit, beständigen Muth und Tapferkeit wider alle Ungerechtigkeit, glücklichen Fortgang ihrer Anschläge, getreue, verständige, kluge Räthe, gesundes und langes Leben. Behüte sie vor Heuchlern und Fuchsschwänzen, vor Kriegen und Blutvergießen. Schütze sie durch deine heiligen Engel. Segne das ganze Land und schaffe unsern Grenzen Friede, durch Jesum Christum unsern Herrn. Amen.

Gebet der Obrigkeit für ihre Unterthanen.

O du gewaltiger Herrscher des Erdbodens, Herr aller Herren, König aller Könige! Ich danke dir von Herzen, daß du mich zur Obrigkeit über dieses Land und Unterthanen gesetzet hast. Du bist der Allerhöchste, und hast Gewalt über der Menschen Königreiche, und giebst sie wem du willst; erhöhest auch die Niedrigen zu denselben. Deine Gewalt ist ewig und dein Reich währet für und für, gegen welche alle, so auf Erden wohnen, nichts zu rechnen sind. Du machest es, wie du willst, beide mit den Kräften im Himmel und mit denen, so auf Erden wohnen; und niemand kann deiner Hand wehren, noch zu dir sagen: Was machest du? Denn all dein Thun ist Wahrheit und deine Wege sind recht, und wer stolz ist, den kannst du wohl demüthigen. Du setzest auch einem jeden Lande seine Grenze; Sommer und Winter machest du. Darum stieb mir, du gewaltiger Herrscher des ganzen Erdbodens, daß ich mich allzeit vor dir demüthige und gedenke, daß ich auch unter Gott bin. Gieb mir einen festen starken Glauben und Zuversicht auf deine Allmacht und Barmherzigkeit. Gieb mir herzliche Liebe zu deinem reinen Wort. Erhalte mich und meine anbefohlnen Unterthanen bei der seligmachenden Wahrheit des heiligen Evangelii. Laß meiner Lande Fundament sein die zwo starken Säulen: die wahre Gottesfurcht und Gerechtigkeit, und daß dein heiliger Gottesdienst eine Zierde, Schmuck und höchstes, edelstes Kleinod sei meiner Lande, darüber du mich gesetzet hast. Gieb mir den edlen lieben Landfrieden. Sei mein mächtiger Schutz und eine feurige Mauer um mich und meine Unterthanen her. Und wenn das Land zittert und alle, die darin wohnen, so halte du seine Säulen fest. Gieb meinen Unterthanen ein gehorsam Herz und mir deine himmlische Weisheit, daß ich dieselben vernünftig und weislich regiere, die Unschuldigen errette, die Frommen schütze, die Bösen strafe und Rache übe über alles Böse, daß ich eine Furcht sei der Bösen und ein Lob und Preis der Frommen. Gieb, daß ich erkenne, daß ich, o Gott, deiner Gerechtigkeit Statthalter und Amtmann sei, und daß du bei mir seiest im Gerichte, und daß ich .das Gericht nicht Menschen halte, sondern dir, und demnach keine Person im Gerichte ansehe. Gieb mir Gnade, daß ich Recht schaffe ohne Ansehen der Person den Armen und Waisen, und helfe den Elenden und Durstigen, daß ich errette den Geringen und Armen und erlöse ihn aus der Gottlosen Gewalt, daß die Grundfesten des Landes nicht fallen. Laß mich hören, daß der Herr redet, daß er Friede zusaget seinem Volke und seinen Heiligen, daß sie nicht auf eine Thorheit gerathen. Laß‘ mir deine Hülfe nahe sein, denn ich fürchte dich, daß in meinem Lande Ehre wohne, daß Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; daß Treue auf Erden wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue, daß uns der Herr Gutes thue, daß unser Land sein Gewächs gebe, daß Gerechtigkeit vor dir bleibe und im Schwange gehe. Ach getreuer Gott, behüte mich vor Sünden, auf daß ich nicht deinen gerechten Zorn verursache und über meine Unterthanen die Strafe bringe, wie der König David sagt: Ich habe gesündiget, was haben diese Schafe gethan? Segne aber mein Land und kröne es mit deinem Gut, denn deine Fußstapfen triefen vom Fett. Gieb mir, daß ich also regiere, daß mein Land nicht wider mich seufze, sondern daß dasselbe deines Lobes und Preises voll werden möge. Gelobet sei der Herr, der allein Wunder thut, und gelobet sei sein herrlicher Name ewiglich, und alle Lande müssen seiner Ehre voll werden! Amen. Amen.

Für die Lehrer der Kirche.

Ach Herr Jesu Christe, du ewiger Hoherpriester und Haupt deiner Kirche! Du bist aufgefahren in die Höhe, und hast etliche unter deinen Dienern gesetzt zu Aposteln, etliche zu Propheten, etliche zu Evangelisten, etliche zu Hirten und Lehrern, daß durch sie dein geistlicher Leib erbauet werde, bis wir alle hinan kommen zu einerlei Glauben und Erkenntnis;. Ich klage und bekenne dir, daß ich diese große Wohlthat und Gaben bisher nicht recht erkannt habe, die, welche du gesandt hast, nicht gehalten für deine Diener und für Haushalter über deine Geheimnisse, habe sie auch ihres Amtes halben nicht desto lieber gehabt, und nicht bedacht, was du sagest: Wer euch höret, der höret mich; wer euch verachtet, der verachtet mich. Vergieb mir diese Sünde, und rechne mir dieselbe nicht zu. Wende die Strafe von mir, die du dräuest denen, die deine Diener Höhnen. Ich sage dir aber herzlich Dank für deine getreuen Boten, die dein Heil verkündigen, Gutes predigen, Friede verkündigen; und bitte dich, du wollest an allen getreuen Dienern der Kirche und Lehrern deines Wortes deine Verheißung erfüllen, da du sprichst: Ich lege mein Wort in deinen Mund, und bedecke dich unter dem Schatten meiner Hände, auf daß ich den Himmel pflanze und die Erde gründe. Pflanze deinen geistlichen Himmel, lieber Gott, mit gläubigen leuchtenden Sternen, und ziere die Erde mit Pflanzen der Gerechtigkeit zu deinem Lob und Preis. Schmücke die Lehrer der Kirche mit vielem Segen, daß sie einen Sieg nach dem andern erhalten wider Sünde, Tod, Teufel, Hölle und Welt, daß man sehe, der rechte Gott sei zu Zion. Gieb auch, daß wir unsern Lehrern gehorchen und ihnen folgen, als die da wachen für unsre Seele, und dafür Rechnung geben müssen, daß sie ihr Amt mit Freuden thun, und nicht mit Seufzen: denn das ist uns nicht gut. Gieb ihnen auch, daß sie ihr Amt williglich thun, und die Heerde weiden, nicht gezwungen, sondern williglich, nicht um schändlichen Gewinnes willen, sondern von Herzensgrund, daß beide, sie und wir mit ihnen, die unvergängliche Krone der Ehre empfahen, wenn du als der Erzhirte erscheinen wirst. Gieb, lieber Gott, deinem Donner Kraft, und dein Wort mit großen Schaaren Evangelisten, daß sie ihre Stimmen erheben wie die Posaunen, und nicht schonen, sondern uns unsre Uebertretung verkündigen, und daß sie mächtig sind, zu strafen und kräftig zu trösten. Hilf, daß sie die verlornen Schäflein suchen, die Verwundeten heilen, die Schwachen verbinden und die Fetten warten. Hilf, daß sie mit feurigen Zungen reden, daß es durchs Herz gehe, daß unsre Herzen zu dir bekehret und von der Welt abgewandt werden, und von der Augenlust, Fleischeslust und von dem hoffärtigen Leben; daß durch ihre Bußpredigten in uns heilsame Traurigkeit erwecket werde, die eine Reue wirke zur Seligkeit, die niemand gereuet. Thue unsre Herzen auf, wie der Lydia, daß wir hören und verstehen, was sie uns in deinem Namen predigen. Sei durchs Wort kräftig. Gieb uns den heiligen Geist, der uns lehre und in alle Wahrheit leite. Lehre du inwendig und erleuchte unsern Verstand. Tröste du inwendig im Herzen. Denn so du inwendig nicht lehrest, so ist alle auswendige Lehre unfruchtbar. Darum, wenn Paulus pflanzet und Apollo begießt, so gieb du das Gedeihen dazu. Wehre und steure dem bösen Feinde, daß er nicht Unkraut unter den Weizen säe. Wecke uns auf, daß wir nicht schlafen und sicher seien. Heiliger Vater, heilige uns in deiner Wahrheit. Dein Wort ist die Wahrheit. Dein Wort ist die rechte Lehre, und Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses ewiglich. Laß uns das Himmelsbrot deines Wortes aufsammeln in das Gefäß unsrer Seele, daß wir ewig satt und selig werden. Amen.

Gebet frommer Kinder für ihre Eltern.

Ach gnädiger, barmherziger Gott, lieber Vater, der du bist der rechte Vater über alles, das Kinder heißet im Himmel und auf Erden! Ich danke dir herzlich, daß du mir meine lieben Eltern, Vater und Mutter gegeben und bis daher in guter Gesundheit und Wohlstand erhalten hast. Dir sei Lob, Ehre und Dank für diese deine große Wohlthat. Und bitte dich, du wollest mir meinen Ungehorsam, damit ich mich gegen meine lieben Eltern oft versündiget habe, aus Gnaden vergeben, und die Strafe von mir abwenden, die du im vierten Gebot dräuest. Gieb mir aber ein gehorsames und dankbares Herz gegen sie, daß ich sie ehre, fürchte, liebe, mit meinem Gehorsam und deiner göttlichen Furcht erfreue, daß ich sie für Gottes Ordnung erkenne, und ihre väterlichen wohlmeinenden Strafen geduldig annehme. Lehre mich auch bedenken, wie sauer ich meiner Mutter worden bin, und mit was großer Mühe und Arbeit sie mich erzogen. Laß mich dieselbe wieder ehren mit Gehorsam, Liebe, Demuth, Furcht in Worten und Werken, auf daß ich den Segen und nicht den Fluch ererbe, sondern ein langes Leben. Laß das Exempel des Gehorsams meines Herrn Jesu Christi immer vor meinen Augen stehen, welcher seinem Vater gehorsam gewesen bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Gieb mir den Gehorsam Isaaks, die Furcht Jacobs, die Zucht Josephs, die Gottesfurcht des jungen Tobiä; und gieb meinen lieben Eltern den Glauben Abrahams, den Segen Isaaks, den Schutz Jacobs, die Glückseligkeit Josephs und die Barmherzigkeit des alten Tobiä. Laß sie in einem feinen geruhigen Leben, in Friede und Einigkeit alt werden. Lindre ihnen ihr Kreuz und hilfs ihnen tragen. Erhöre ihr Gebet und segne ihre Nahrung. Behüte sie vor allem Uebel Leibes und der Seele. Und wenn ihre Zeit vorhanden ist, so laß sie sanft und stille einschlafen, und nimm sie zu dir ins ewige Vaterland, durch Jesum Christum. Amen.

Gebet christlicher Eheleute

Barmherziger gnädiger Gott, lieber Vater, du hast uns nach deinem gnädigen Willen und göttlicher Vorsehung in den heiligen Ehestand gesetzt, daß wir nach deiner Ordnung darin leben sollen. Darum trösten wir uns auch deines Segens, da dein Wort sagt: Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes und schöpfet Segen vom Herrn. Ach lieber Gott, laß uns ja in deiner göttlichen Furcht bei einander leben. Denn wohl dem, der den Herrn fürchtet, und große Luft hat an seinen Geboten; deß Same wird gewaltig sein auf Erden. Das Geschlecht der Fromme n wird gesegnet sein. Laß uns vor allen Dingen dein Wort lieb haben, und gern hören und lernen, daß wir sein mögen wie ein Baum am Wasser gepflanzet, der seine Frucht bringet zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht, und alles, was er macht, das geräth wohl. Laß uns auch in Friede und Einigkeit leben, daß wir der drei schönen Dinge eines, so Gott und Menschen wohlgefällt, bei uns haben und behalten mögen. Denn daselbst hat der Herr auch verheißen Segen und Leben immer und ewiglich. Laß uns in unserm Ehestande Zucht und Ehrbarkeit lieb haben, und dawider nicht handeln, auf daß in unserm Hause Ehre wohne, und wir einen ehrlichen Namen haben mögen. Gieb Gnade, daß wir unsre Kinder in der Furcht und Ermahnung zu deinen göttlichen Ehren auferziehen, daß du aus ihrem Munde dir ein Lob bereiten mögest. Gieb ihnen ein gehorsames Herz, daß es ihnen möge wohl gehen, und sie lange leben auf Erden. Gieb uns auch das tägliche Brot, und segne unsre Nahrung. Verzäune unser Haus und Gut wie des heiligen Hiobs, daß der böse Feind und seine Werkzeuge keinen Eingriff thun können. Behüte unser Haus, Habe und Gut vor Feuer und Wasser, vor Hagel und Ungewitter, vor Dieben und Mördern. Denn alles, was wir haben, das hast du uns gegeben. Darum wollest du es auch mächtiglich bewahren. Denn wo du nicht das Haus bauest, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wo du, Herr, die Stadt nicht bewahrest, so wachet der Wächter umsonst. Deinen Freunden giebst du es schlafend. Gieb uns auch, lieber Gott, fromm, getreu und gehorsam Gesinde, und bewahre uns vor ungetreuen Dienstboten. Denn du ordnest und regierest alles, und bist ein Herr über alles, belohnest auch alle Treue und Liebe, und strafest alle Untreue. Und wenn du uns ja, lieber Gott, Kreuz und Trübsal zusenden willst, so gieb uns Geduld, daß wir uns gehorsam deiner väterlichen Ruthe unterwerfen, und mache es gnädig mit uns. Laß von dem Herrn unsern Gang gefördert werden, und habe du Lust an unsern Wegen. Fallen wir dann, so wirf uns nicht weg, sondern halt uns bei der Hand, und richte uns wieder auf. Lindre uns unser Kreuz, und tröste uns wieder, und verlaß uns nicht in unsrer Noth. Gieb auch, daß wir das Zeitliche nicht lieber haben, denn das Ewige. Denn wir haben ja nichts in die Welt gebracht, werden auch nichts mit hinaus bringen. Darum laß uns nicht dem leidigen Geiz, der Wurzel alles Uebels, nachhängen, sondern nachjagen dem Glauben und der Liebe, und ergreifen das ewige Leben, dazu wir berufen sind. Gott der Vater segne uns und behüte uns! Gott der Söhn erleuchte sein Angesicht über uns und sei uns gnädig! Gott der heilige Geist erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Friede! Die heilige Dreieinigkeit bewahre unfern Eingang und Ausgang von nun an bis in Ewigkeit. Amen.

Um Gottes Gnade und Barmherzigkeit, welche ist das Fundament unsers Gebets.

Ach du barmherziger, gnädiger, langmüthiger, geduldiger Gott und Vater! Ich bekenne und klage dir mein Elend, daß ich mich durch meine vielfältigen Sünden von dir, von deiner Gnade und Liebe selbst abgewandt, und oft deine Gnade und Barmherzigkeit verachtet und versäumet habe. Ach, vergieb mir diese große schwere Sünde. Wende die Strafe von mir ab, da du dräuest, du wollest mit Verstockung und Blindheit schlagen, und sollen solche Verächter nimmermehr zu deiner Ruhe kommen, und dein Abendmahl schmecken. Ach sei mir gnädig: denn ich erkenne, daß ich so gar nichts bin außer dir, nichts denn Finsterniß und Irrthum, nichts denn ein faules Aas und Speise der Würmer, ein unreines Gefäß, ein Kind des Zorns und ewiger Verdammniß. Ich erkenne und bekenne, wo du mich mit deiner Gnade nicht erleuchtest, so muß ich ewig in Finsterniß bleiben. Wo du mich nicht lehrest, so bleibe ich unwissend in allen Dingen. Wo du mich nicht leitest, so irre ich. Wo du mich nicht reinigest, so bleibe ich ewig ein unrein stinkend Gefäß. Wo du mich nicht lebendig machest mit deinem Geist und Gnade, so bleibe ich ewig im Tode. Wo du mich nicht selig machest, so bleibe ich ewig verdammt. Ach ich bitte und flehe um deine Gnade, die alles gut machet, was in mir die böse Natur verderbt hat. Laß deine Gnade alles allein in mir wirken, und nicht meinen bösen Willen, mein Fleisch und Blut, mein böses Herz und Gemüth, sondern deinen Geist und Gnade. Deine Gnade stärke meinen Glauben, erwecke meine Liebe, erhalte meine Hoffnung. Laß deine Gnade sein meine Freude, meinen Ruhm, meinen Trost und Leben. Laß deine Gnade in mir wirken Sanftmuth, Demuth, Geduld, Gottesfurcht, Andacht und Gnade. Deine Gnade machet und wirket alles Gute; denn sie ist alles Gute. Ohne deine Gnade kann und mag ich nicht leben, auch nicht selig werden. Ach gieb mir ein solch Herz, daß ich allein an deiner Gnade hange, daß ich mir allein an deiner Gnade genügen lasse, ob ich sonst in der Welt weder Gut noch Ehre habe; denn deine Gnade ist der höchste und theuerste Schatz. Deine Gnade beselige mich mit geistlichen, himmlischen Gütern. Deine Gnade lehre mich, sie erleuchte mich, sie erhalte mich, sie heilige mich. Deine Gnade erfreue mich, und sei ein Licht meines Herzens, eine Regiererin meiner Gedanken, eine Rathgeberin in meinen Anschlägen, mein Trost in meiner Betrübniß, meine Freudigkeit in meinem Gewissen, meine Zuchtmeisterin in meinen Begierden, eine Mittlerin meiner Affecten, eine Hüterin meines Mundes, eine Pflegerin meiner Seele, eine Wärterin meines Leibes, eine Wächterin meiner Augen und Sinne. Laß mir deine Gnade vorleuchten in allen meinen Geschäften. Denn was bin ich ohne deine Gnade? Ein dürres Holz, darin kein Saft ist, daraus keine gute Frucht wächset, welches nur in’s Feuer gehöret. Laß deine Gnade stets auf mich warten und mich erhalten, daß ich nicht strauchle. Laß mich deine Gnade aufnehmen, wenn ich zu dir komme. Laß mich deine Gnade leiten, daß ich nicht irre, und laß sie mich wieder zurecht bringen, wenn ich irre gehe. Laß mich deine Gnade zähmen und regieren, wenn ich aus Ungeduld zu viel rede und thue. Laß deine Gnade in mir viel Frucht bringen. Laß mich deine Gnade wieder aufrichten, wenn ich falle. Laß deine Gnade mein Gewissen heilen, wenn es verwundet ist. Laß deine Gnade mir freundlich begegnen, wenn ich dich anrufe. Laß mich Gnade finden, wenn ich dein Angesicht suche. Laß mir deine Gnade aufthun, wenn ich anklopfe. Laß mich deine Gnade leiten und führen, wo ich gehe oder stehe, liege, oder sitze, wache oder schlafe, lebe oder sterbe. Laß mir Gutes und Barmherzigkeit nachfolgen in diesem und im ewigen Leben, durch Jesum Christum, unsern Herrn. Amen.

Um die Gabe des Gebetes.

Barmherziger, gnädiger, liebreicher Vater im Himmel! Du hast mir befohlen, zu beten. Dein lieber Sohn hat mich gelehret und mit einem theuren Eid die Erhörung zugesaget. Dein heiliger Geist erinnert mich oft in meinem Herzen des Gebetes. Und ich weiß, daß alle guten und vollkommenen Gaben von oben herab kommen müssen, von dem Vater des Lichts; und weiß auch, daß kein wahres, beständiges, gedeihliches Gut, es sei himmlisch oder irdisch, zeitlich oder ewig, ohne Gebet kann erlangt werden; weiß auch, daß es deine Ehre betrifft und meine höchste Nothdurft erfordert; weiß auch, was für ein freundlich Gespräch das Gebet ist mit dir, und wie du antwortest durch Trost und heilige Gedanken, und daß keine Hülfe und wahrer Trost ohne Gebet könne erlangt werden; habe dessen so viel Exempel der Heiligen und meines Herrn Jesu Christi. Dennoch bin ich so faul und träge zum Gebet, verlasse mich mehr auf meine Arbeit und Weisheit, denn auf deine Hülfe und Gnade. Ach vergieb mir solche Sicherheit und Thorheit und Verachtung deiner göttlichen Verheißung. Wende von mir die schwere Strafe, die du drohest den Verächtern deiner Gnade, daß du sie wollest wieder verachten, und daß die, so einem andern nacheilen, groß Herzeleid haben sollen; und gieb mir den Geist der Gnade und des Gebetes. Laß mich deine tröstliche Verheißung bedenken: „Wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll seelig werden. Ehe sie rufen will ich hören, und wenn sie noch reden, will ich antworten. Der Herr ist nahe bei denen, die ihn anrufen. Was ihr den Vater in meinem Namen bitten werdet, das wird er euch geben. Wer ist unter euch, der seinem Kinde einen Stein gäbe, wenn es um Brot bittet?“ Entzünde mein Herz mit inniger und brünstiger Andacht und mit dem Licht deiner Gnade. Laß mein Gebet vor dir wohlriechen wie das Opfer Noah. Erscheine mir, wie du dem Abraham erschienest in Gestalt dreier Männer, und gehe nicht vor deinem Knecht vorüber. Segne mich in meinem Gebet wie den Isaak. Zeige mir die Himmelsleiter wie dem Jacob. Laß mich meine Hände aufheben zu dir wie Moses. Laß mein Gebet vor dir klingen wie die Cymbeln am Kleide Aarons und wie die Harfe Davids. Zünde in mir an den heiligen Durst nach dir, wie ein Hirsch schreiet nach frischem Wasser. Rühre und reinige meine unreinen Lippen mit dem himmlischen Feuer, wie dem Jesaias. Laß mich vor dir weinen wie den Jeremias und sprechen: ach, daß meine Augen Thränenquellen waren, und ich Wasser genug hätte in meinen Augen! Laß mich deine Herrlichkeit im Geist und Glauben sehen wie Ezechiel. Erhöre mich wie Daniel. Oeffne mir die Augen wie dem Diener Elisä. Laß mich mit Petro und Maria bitterlich weinen. Erleuchte mein Herz wie den Schächer am Kreuz. Laß mich die Kniee meines Herzens vor dir beugen wie Manasse. Thue mir mein Herz auf wie der Lydia, daß ich aller zeitlichen Dinge in meinem Gebet vergesse. Ach, Herr, aller Herzen Kündiger, der du Herzen und Nieren prüfest! Du weißst, wie unbeständig menschliche Herzen und Gemüther sind, viel beweglicher denn Wasser, so vom Winde bewegt wird. Ach, befestige meine Andacht, daß ich nicht durch so mancherlei Gedanken hin und her bewegt werde. Ach, du kannst das Schifflein meines Herzens still halten, befestigen und viel besser regieren, denn ich selbst. Stehe auf, Herr, bedräue den Sturmwind und das unruhige Meer meines Herzens, daß es stille sei, in dir ruhe, dich ohne Hinderniß anschaue, mit dir vereinigt bleibe. Führe mich in die geistliche Wüste, da ich nichts sehe noch höre von der Welt, denn dich allein, daß du mit mir allein reden mögest, daß ich dich freundlich küssen möge und es Niemand sehe und mich höhne. Erneuere mein Herz, Sinn und Gemüth. Zünde in mir an dein Licht, daß es in mir leuchte; daß mein Herz brenne, und entzündet werde in deiner Liebe und Andacht. Nimm das steinerne Herz hinweg, daß ich empfinde deines Geistes Flamme, Liebe, Trost und freundliche Antwort. Ach, nimm weg durch deine Gnade alles, was meine Andacht hindert, es sei die Welt oder meines Fleisches Wille, als Zorn, Rachgier, Ungeduld, Unglauben, Hoffart, Unversöhnlichkeit, Unbußfertigkeit. Laß deinen heiligen Geist in meinem Herzen seufzen, schreien, rufen, beten, loben, danken, zeugen, und meinem Geiste Zeugniß geben der Kindschaft Gottes. Laß ihn mein kaltes Herz mit seinem himmlischen Feuer anzünden, erwärmen und mich vertreten bei Gott mit unaussprechlichem Seufzen. Laß deinen heiligen Geist in mir wohnen, mich zum Tempel und Heiligthum Gottes machen, und mich erfüllen mit göttlicher Liebe, Licht, Andacht, himmlischen Gedanken, Leben, Trost, Stärke, Freude und Friede. Laß deinen heiligen Geist den Tempel meines Herzens mit dem himmlischen Weihrauch der göttlichen Andacht lieblich und wohlriechend machen. Laß uns durch deinen heiligen Geist, o Vater, mit deinem lieben Sohne, Jesu Christo, vereiniget werden, daß wir in ihm, durch ihn, mit ihm beten, als mit unsrem Haupte. Laß uns auch durch den heiligen Geist mit allen gläubigen Herzen und der ganzen heiligen Kirche vereiniget werden, daß wir mit der ganzen Kirche, für die ganze Kirche und in der Kirche, als in deinem Heiligthum, beten, und im Namen Jesu Christi erhöret werden. Amen.

Johann Arnd – Abendgebet

Barmherziger, gnädiger Gott und Vater! Ich sage dir Lob und Dank, daß du Tag und Nacht geschaffen hast, den Tag zur Arbeit und die Nacht zur Ruhe, auf daß sich Menschen und Vieh erquicken. Ich lobe und preise dich für alle deine Wohltaten und Werke, daß du mich den vergangenen Tag hast vollenden und durch deine väterliche Gnade des Tages Last und Plage überwinden lassen. Ein jeder Tag hat seine eigene Plage; du aber, lieber Vater, hilfst uns in jeglicher Last und Mühe, bis wir endlich zur Ruhe und an den Tag kommen, da alle Mühe und Plage aufhören wird.

Ich danke dir, o Gott, für alles Gute, das ich diesen Tag von deiner Hand empfangen habe; Herr, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die du täglich an mir tuest.

Ich danke dir auch für die Abwendung des Bösen, welches mir hätte begegnen können; ich danke dir, daß du mich behütet hast vor allem Unglück und vor schweren Sünden, und bitte herzlich und kindlich, vergib mir alle meine Sünden, die ich diesen Tag begangen habe in Gedanken, Worten und Werken. Viel Böses habe ich getan, viel Gutes habe ich versäumt. Ach sei mir gnädig, mein Gott, sei mir gnädig! Laß heute alle meine Sünde mit mir absterben und gib, daß ich immer gottesfürchtiger, heiliger und frömmer wieder auferstehe, daß Seele und Geist immer zu dir wache, mit dir rede und handle.

Ja, segne meinen Schlaf, wie den Schlaf Jakobs, da er die Himmelsleiter im Traume sah, daß ich von dir rede, wenn ich mich zu Bette lege, und an dich gedenke, wenn ich aufwache. Gib, daß ich nicht erschrecke vor dem Grauen der Nacht, daß ich mich nicht fürchte vor Gefahr und plötzlichem Unfall. Sei du mein Schatten über meiner rechten Hand, daß mich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. Laß deine heiligen Engel sich um mich her lagern und mich behüten und wecke mich des Morgens zur rechten Zeit wieder auf. Und wenn mein Stündlein vorhanden ist, so verleihe mir einen sanften Schlaf und eine selige Ruhe in Jesu Christo, meinem Herrn. Amen.

Johann Arnd – Heiligung

Lehre mich, wider die Sünde ohne Sünde zu zürnen, in reiner Liebe stets meines Nächsten Bestes zu suchen, mit seinem Elende ein herzliches Mitleid zu haben. Gib mir ein Herz, daß sich betrübe, wenn du beleidigt, und erfreue, wenn du geehrt wirst. Verleihe mir wahre Geduld, das Böse zu tragen, und so viel an mir ist, mit allen Menschen Frieden zu halten. Tilge ja aus meinem Herzen das böse Gift, das alle Liebe vertreibt und dem Satan Raum machet: den unbegründeten Argwohn gegen meinen Nächsten. Laß mich stets das Beste von ihm hoffen und, wo meine Hoffnung mich betrügt, ihm williglich vergeben, herzlich für ihn beten und in keiner dieser Übungen ermüden in Ansehen, daß du nimmer müde wirst, mir Gutes zu tun, und ich auch einmal ernten werde ohne Aufhören. Amen

Johann Arnd – Geduld

Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, ich flehe dich an im Namen Jesu um die wahre christliche Geduld; rüste mich damit aus wider alle Trübsal, mache mich willig, dies Kreuz auf mich zu nehmen, es geduldig zu tragen und freudig darunter auszuharren; vertreibe alles Murren des Fleisches über die Last des Kreuzes und über die Langwidrigkeit der Zeit. Stelle dich, liebster Jesu, mit deiner Geduld am Kreuze mir vor Augen und Herz, dass ich durch dein Anschauen gestärkt werde, beständiger auszuhalten. Lass mich, o getreuer Heiland, in meinem Mut nicht müde werden, sondern in Geduld durch Leiden und Trübsal in das Reich Gottes eingehen. Geduld ist mir Not, dass ich deinen Willen tue und die Verheißung empfange. Darum erflehe ich sie von dir, du wirst sie mir nicht verweigern. Amen.