Anselm von Canterbury – Bewahrung

Gnädigster Herr Jesu, du Quell des Lebens, Quell des Erbarmens, von dem alle Heiligen trinken, von des unaussprechlich süßer Labe sie trinken und trunken werden, so daß sie volles Genüge haben für und für, ach verleihe mir, daß ich in diesem Leben immer also nach dir dürfte, daß ich im zukünftigen mit allen Heiligen von dir ewiglich gesättigt werden möge.

So bitte ich denn, gütiger lieber Herr Jesus, du wollest um deiner erbarmenden Freundlichkeit willen meine arme Seele erquicken durch das Gedächtniß deiner Wohlthaten, auf daß sie nicht zusammenbreche unter der Erschöpfung ihres Pilgerlaufes, unter der Bürde ihrer Sünden. Deine Güte, o Herr, ist es, die mich erschaffen und durch deine Taufe neu geschaffen, die mich bis heute trotz meiner täglichen Sünden in Geduld getragen hat. Die Macht deiner Gottheit hat mich gemacht, deiner Menschheit. Ohnmacht hat mich neu gemacht.

Auferstehung

Allmächtiger Gott und Vater unseres lieben Herrn Jesu Christi, ich sage dir von Herzen Dank für deine große Gnade und Barmherzigkeit, die du uns armen Sündern erzeiget hast durch deinen lieben Sohn unsern Herrn, welcher für unsere Sünden gestorben und wieder auferstanden ist zu unserer Gerechtigkeit, und sitzet nun zu deiner Rechten, vertritt uns bei dir, und erwirbt uns bei dir Gnade und Gunst. Ich bitte dich durch seine fröhliche Auferstehung und Himmelfahrt, daß du mich auch wollest erwecken aus dem Grabe aller Sünden und Missethat, und zu dir hinaufziehn, da du sitzest zu der Rechten deines Vaters, daß ich allein Lust, Liebe und Verlangen habe nach den ewigen himmlischen Gütern. Laß meinen Leib hier unten auf Erden leben und seines Berufs warten, mein Herz aber, Gedanken, Sinn und Muth laß oben bei dir im Himmel sein. Behüte und bewahre mich vor Sünden und allem Uebel, erhalte mich in deiner wahren Erkenntniß so lange ich noch hier auf Erden zu leben habe, bis ich einst ganz zu dir komme, dich von Angesicht zu Angesicht sehe und ewig bei dir bleibe. Amen.

Gebet eines Hausvaters, daß ihm, Gott sein Kreuz wolle mit Geduld tragen helfen.

O ewiger Gottweiser und treuer Vater, du legest nur denjenigen, die du lieb hast/ dein heiliges Kreuz auf, damit du sie zu deinem Worte ziehest, und die Sünde in ihnen dämpfest, und sie deinem Sohne im Leiden ähnlich machest. Ich armer Hausvater stecke in Nöthen, Anfechtung, Schulden, habe krank Weib und Kinder, bin betrübt und elend; ich glaube, daß du mir solches alles zum Besten auflegest, und werdest zu gelegener Zeit mich daraus nach deinem Wohlgefallen und meiner Seelen Seligkeit erretten. Hilf, lieber Vater, daß ich dein Vaterherz erkenne und deine Ruthen mit Geduld annehme, und unter dem Kreuze durch deines Geistes Kraft dir aushalte, und getrost und unverzagt sei. Ist es dein Wille, so lindre meine Schmerzen auch und laß deine Hülfe scheinen, um deines lieben Sohnes Jesu Christi willen, der sein Kreuz unserthalben in höchster Geduld getragen und unser Leiden und Angst damit geheiliget und überwunden, und alle, die auf ihn gehoffet und geharret haben, endlich zu rechter Zeit aus allen Nöthen herrlich errettet hat. Hilf, Herr, hilf deinen Kreuzträgern, hochgelobet auch in unserm Kreuz als ein gnädiger Vater und Zuchtmeister, hier und in Ewigkeit. Amen.

Johann Habermann – Friedensgebet

Barmherziger GOtt, ewiger Vater! der Du bist ein GOTT und Liebhaber des Friedens, von dem alle Einigkeit zu uns kommt; wir bitten dich, Du wollest die ganze Christenheit auf Erden gnädiglich beschützen und handhaben, wider alle Feinde nd blutgierige Menschen, auf daß wir in guter Ruhe Dir sicher und fröhlich in reiner Lehre und heiligen Wandel allezeit dienen mögen. Wollest auch Gnade verleihen, daß alle Stände und Potentaten der Christenheit untereinander friedlich und einträchtiglich, in aller Gottseligkeit und Erbarkeit leben, auf daß gute Zucht, Ordnung und Policey nicht verhindert und aufgehaben, Kirchen und Schulen nicht zerstöret, und das Land nicht verwüstet und jämmerlich verheeret werde. Deswegen gib Gnade, daß sich jedermann an den Seinen lasse genügen, damit nicht etwan aus Geitz und Begehren fremder Land und Leute, aus Hoffart eiteler Ehre und Fürwitz, aus Feindschaft, Haß, Neid, oder andern Ursachen, in diesem Lande Krieg und Empörungen, oder Aufruhr entstehe. Behüte uns für Unfried und Blutvergiessen, wehre allen bösen Rath und Willen unruhiger Leute, so nichts Gutes im Sinn haben, mache sie zu Schanden in ihren Gedanken, daß sie zurück müssen weichen und ein Ende nehmen mit Schrecken. Strecke aus deinen Arm, uns zu beschützen, die wir nach deinem Namen genennet seyn, auf daß dein Erbtheil nicht zerstreuet werde. Hilf deinen Glaubigen, die sich auf dich verlassen, und deinen Namen anrufen, erhöre uns in der Noth, und dein heiliger Name schütze uns. Sende uns Hülfe vom Heiligthum, und stärke uns aus der Höhe. Thue wohl den Landen und Städten in welchen dein heilig Wort wohnet. Es müsse Friede seyn inwendig in deinen Mauren, und Glück in deinen Pallästen. O gütiger GOTT! neige die Herzen aller Menschen zu Christlichen Frieden und Einträchtigkeit. Da nun Erweiterung und Verbitterung zwischen etlichen entstanden wäre, so hilf, daß sie durch fügliche Mittel und Wege beygeleget, und vertragen werden, zur Ehre deines heiligen Namens, und Ausbreitung deines Worts, und zur Wohlfahrt der ganzen Christenheit, auf daß sich die Armen und Elenden im Lande in Dir freuen und deinen heiligen Namen rühmen, der Du allein Wunder thust, und beweisest deine Macht unter allen Völkern, Amen.

Veit Dieterich – Heiliger Geist

HERR Gott Himelischer Vater/ Wir biten dich/ du wöllest deinen heiligen Geist in vnsere hertzen geben/ vnd vns in deiner gnade ewig erhalten/ vnnd in aller anfechtung gnedig behüten. Vnnd wöllest dem Türcken/ vnd allen feinden deines Wortes/ vmb deines Namens willen wehren/ vnd dein arme Christenheit allenthalb genedig befrieden/ Durch Christum Jhesum deinen Sohn/ vnsern lieben HERren vnd Erlöser/ Amen.

Aurelius Augustinus

Herr Gott, himmlischer Vater, über alle deine Güte, welche du mir armen Sünder erzeiget hast, erkenne ich auch darin deine große Gnade, daß du dem leidigen Satan, meinem und aller Menschen Erbfeind, bis auf diese Stund nicht gestattet hast, sich verderblich an mich zu machen. Am bösen Willen hats ihm nicht gefehlt, aber du, Herr, hast mich behütet, daß ich in sein böses und listiges Eingeben nicht gewilliget habe. Er ist oft mit schwarzen, trüben Wolken, mit Kreuz und Trübsal über mir hergegangen, aber du, Herr, hast mich getröstet und gestärket, daß ich sein Ungewitter und Stürmen nicht geachtet, und daß er mir auch nie etwas hat anhaben können. Er hat sich in einen Engel des Lichts verwandelt und mit Betrug, List und Lügen an mich gesetzt; daß er aber nichts an mir erhalten, hast du mich erleuchtet und begnadigt, seinen Betrug zu erkennen und zu meiden. Herr, für diese deine große Güte und Gnade sage ich dir herzlich Dank und bitte dich, du wollest ferner, wie du in großen Gnaden angefangen hast, mich vor diesem Erbfeind, Drachen und Ungeheuer behüten und bewahren und bis an mein Ende unter deinen Flügeln beschützen, daß ich, von dir erhalten, dich in Ewigkeit lobe und preise. Amen!

Anselm von Canterbury

Wehe mir, o Herr! wehe meiner Seele! Du mein Tröster bist geschieden und hast nicht Lebewohl gesagt. Da Du Deinen Weg antratest, segnetest Du die Deinen, aber ich bin nicht dabei gewesen. Die Hände ausbreitend, wurdest Du von der Wolke in den Himmel aufgenommen, aber ich habe es nicht gesehen. Die Engel kündigten Deine Wiederkunft an, aber ich habe es nicht gehört. Was soll ich sagen? Was soll ich thun? Wo soll ich hingehen? Wo soll ich ihn suchen? Wann werde ich ihn finden? Wer wird dem Geliebten sagen, wie sehr ich vor Liebe nach ihm schmachte? Verschwunden ist die Freude meines Herzens, verwandelt in Trauer meine Fröhlichkeit. Meine Seele will sich durch Nichts trösten lassen, als von Dir, o Herr, meine Wonne. Was giebt es für mich im Himmel und auf Erden außer Dir? Dich will ich, auf Dich hoffe ich, Dich suche ich, zu Dir hat mein Herz gesprochen: Mein Antlitz hat Dich gesucht, Dein Antlitz will ich suchen. O gütigster Freund der Menschen, Dir ist der Arme überlassen, Du wirst dem Verwaisten ein Helfer sein. Blicke herab auf die Thränen meiner Verlassenheit, die ich Dir darbringe, bis Du wiederkehrest. O mein Herr, erscheine mir, und ich werde getröstet sein, zeige Deine Gegenwart, und meine Sehnsucht wird gestillt sein, enthülle Deine Herrlichkeit, und meine Freude wird vollkommen sein. Es dürstet nach Dir meine Seele und mein Fleisch. Es dürstet meine Seele nach Gott, der lebendigen Quelle; wann werde ich kommen und vor dem Angesichte des Herrn erscheinen? Wann wirst Du kommen, mein Tröster? O wenn ich meine Freude sehen werde, nach der mich verlangt! O wenn ich werde satt werden, wenn mein Heil erscheint, nach dem ich hungere! O wenn ich werde berauscht werden von der Fülle des Hauses, wonach ich dürste! Thränen sollen, o Herr, mein Brod Tag und Nacht sein, bis zu mir gesprochen wird: Siehe, dein Gott! bis meine Seele hort: Siehe, dein Bräutigam! O er wird vielleicht bald kommen, mein Erlöser, weil er gütig ist, er wird nicht zögern, weil er gnädig ist. Ihm sei Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen! —- Denke dir, du sähest ein tiefes, dunkles Thal, das allen Jammer in sich faßte. Darüber führte eine lange, blos einen Fuß breite Brücke. Müßte nun jemand über diese schmale, hohe und gefährliche Brücke gehen, dem die Augen verschlossen, daß er seine Tritte nicht zu sehen vermöchte, dem die Hände gebunden wären, daß er keinen Stab zum Fühlen gebrauchen könnte, würde der wohl noch lachen und scherzen? Würde der nicht vielmehr vor Furcht und Schrecken erzittern und erbeben? Denke dir, daß noch Ungestalten von Raubvögeln um die Brücke herumschwärmten, geschäftig, den Wanderer in die Tiefe hinabzureißen; denke dir endlich, daß bei jedem seiner Schritte die einzelnen Bretter sofort hinter ihm weggezogen würden! Und nun höre, was das Gleichniß sagen will. Unter dem tiefen und dunkeln Thal ist die Hölle zu verstehen. Alles, was schmeichelt, findet man nicht da, und alles, was schreckt, peinigt, ängstet, findet man da. Die gefahrvolle Brücke ist das gegenwärtige Leben; wer es übel benutzt, sinkt zur Hölle hinab. Die Bretter, welche hinter dem Wanderer weggezogen werden, sind die nie wiederkehrenden Tage seines Lebens, deren beständige Abnahme ihn immer mit Eil zum Ende hindrängt. Der Vogelschwarm ist die Schaar böser Geister. Wir selbst sind die Wanderer, blind von Thorheit und mit Untüchtigkeit zur Tugend wie mit einer schweren Kette gebunden. Nun bedenke, ob wir nicht in solcher Gefahr zum Schöpfer um Hilfe schreien müssen.

unbekannt – Abendgebet

O Herr, allmächtiger Gott, du sprichst: So du durchs Wasser gehest, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen. Wir bitten dich herzlich, sei auch bei uns in dieser finsteren Nacht, und bewahre uns, daß uns und unserem Schifflein kein Leid noch Unglück widerfahre; dir befehlen wir uns heut und allezeit mit Leib und Seel in deinen väterlichen Schutz und Schirm, sei uns gnädig und behüte uns um deines lieben Sohnes Jesu Christi willen. Amen.

Martin Luther

Christe, unser lieber Herr und Heiland, sei uns gnädig, daß wir nicht in Anfechtung fallen; sondern erhalte uns rein, unsträflich, einfältig, im rechten Glauben, und erlöse uns von allem Uebel durch einen seligen Abschied von diesem Jammerthal, das ist, aus dem Reiche des leidigen Teufels und seiner Welt. Dir sei Lob und Dank, mit dem Vater und Heiligen Geist, in Ewigkeit. Amen.

Andreas Musculus – Bewahrung

Du frommer getreuer Gott und Vater unsers lieben Herrn Jesu Christi, dich bitte ich von Herzen, du wollest mich in meiner Noth nicht verlassen, sondern mit dem Licht deines wahren Erkenntnisses erleuchten, daß ich in demselbigen aus dieser Finsterniß zu dir, dem ewigen Licht, möge wandeln. O Herr, sei du bei mir, wenn ich sterben soll, stehe du zu meiner rechten Hand, wenn ich soll meinen Geist aufgeben, errette mich aus der Hand des Feindes, tröste und stärke mich, erhalte mich in deiner Erkenntniß und festem starkem Vertrauen auf deine große Gnade und Barmherzigkeit. Ach Herr Gott, laß das letzte Wort deines lieben Sohnes am Stamme des Kreuzes auch mein letztes Wort sein, daß ich mit starkem und gläubigem Vertrauen in dem Herzen darf sagen: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist, denn du hast mich erlöset, du getreuer Gott. Im Fall aber, da ich aus Schwachheit und Größe meiner Krankheit solches mit dem Munde nicht könnte ausreden, so laß doch mein Herz also in der Stille zu dir rufen und seufzen. Amen.
*Andreas Musculus*

Gebetbuch,
enthaltend
die sämmtlichen Gebete und Seufzer
Dr. Martin Luther’S,
wie auch Gebete
von
Melanchthon, Bugenhaben, Matthesius, Habermann, Arnd
und anderen Gott-erleuchteten Männern.
Herausgegeben
vom
evangelischen Bücherverein
Berlin, 1849.
Im Magazin des Vereins, Klosterstraße No. 71