Karl von Eckartshausen – Gott, dem Allgegenwärtigen.

Sammle Dich, meine Seele, den ewigen Vater der Wesen zu preisen; zerreiße die Bande, mit welchen die nichtigen Reize der Welt Dich fesseln. Ungetäuscht von den Blendwerken der Sinnlichkeit betrachte, erstaune und bete an.

Mit heiliger Ehrfurcht nahe ich Dir, Du mein Schöpfer und Herr! Dich erreicht mein Gedanke nicht und meine Seele ermattet, wenn sie deine Erhabenheit fassen will; doch empfinde ich Dich, ewige Kraft, wie schwach ich auch sein mag, und erkenne in Dir meinen Ursprung und den Quell meines Daseins. O wer bin ich, dass ich zu Dir mich erhebe! Wie soll ich Dich nennen, mit welchem heiligen Namen Dich anrufen? Unergründlich ist dein Wesen und unaussprechlich der irdischen Lippe dein Name.

O Du, dessen Geist die Schöpfung erfüllt, dessen Allmacht sich in Wundern offenbart, dessen Herrlichkeit das Weltall durchstrahlt, – Gott, Du bist groß über Erkennen und Verstehen. Dein Wort gebot und Welten ohne Zahl entzündeten sich auf deinen Ruf. Dein Wille ward Ordnung, Schönheit und Güte; die ganze Schöpfung ward ein Spiegel deiner Gottheit, die Offenbarung deiner selbstständigen Herrlichkeit. Herr, ich erkenne Dich in allen deinen Werken; deine Spuren bezeichnen alles, was durch Dich ward. Durch Dich, von Dir, zu Dir sind alle deine Werke. Unerforschlich in deinem Wesen bist Du allgegenwärtig; verborgen und doch offenbar, verhüllt und doch empfunden von meiner entzückten Seele.

Quelle der Geister, was bin ich vor Dir! Mein Geist erliegt dem Gedanken deiner Größe und Herrlichkeit und die Kraft meines Wesens erstirbt. Ohne Dich bin ich nichts; Du allein belebst mich und ich verschwinde gleich dem Traum ohne Dich, der Du mich schufst und mich erhältst. Wenn Du es willst, verlöschen die Sonnen, die Du entzündet hast, – zerfällt der Weltbau, den Du gründetest; Schöpfer, Erhalter, unendlicher Gott!

Herr, der Du bist und sein wirst, wer ist Dir gleich? Wer mag erreichen die Höhe deiner Ratschlusse und die Tiefen deiner Wunder? Wer widersteht deiner Kraft? Himmel und Erde sind deinem Willen untertan und alle Kräfte machst Du zu Werkzeugen deiner Güte und Gerechtigkeit. Heiliger, starker Gott, Himmel und Erde sind voll deines Geistes. Was lebt und atmet fühlt dein segnendes Dasein. Unzählbare Geister loben deinen Namen in heiliger Freude und preisen deine Herrlichkeit. Mit ihnen beuge ich mich vor Dir, Herr mein Gott und bete an, denn Du bist heilig und anbetungswürdig in Ewigkeit. Amen.