Martin Luther – In Armuth und andere Nöthen

Martin Luther – In Armuth und andere Nöthen

Psalm 71, 6. Auf dich, Herr, hab ich mich verlassen von Mutterleibe an; du hast mich aus Mutterleibe gezogen, mein Ruhm ist immer vor dir. Ehe ich noch war, lebete, und nichts thun konnte, warst du, Herr, über mir im Mutterleibe, nahmst dich meiner als deines Geschöpfes gnädiglich an, sorgtest herzlich für mich, und erhieltst mich wunderbarlicher Weise. Vielmehr thust du solches, o du treuer Menschenhüter, an mir, der ich nun ein Mensch zur Welt bin geboren, lebe, gehe, stehe, schaffe und durch dein Wort dich kenne; ob es wohl vor Augen anders scheint. Es scheine aber und fühle sich, wie es wolle, lehre ich mich nicht daran, lasse mich’s auch nicht irren, sondern halte mich an dein Wort, daß du mein Herr von Mutterleibe bist. Das trügt und fehlet nicht, darauf verlasse ich mich, erwecke und stärke dadurch meinen Glauben, welcher nicht auf das Sichtbare, das zugegen ist, stehet, sondern deß, das unsichtbar ist, durch Hoffnung und Geduld erwartet. Gelobet seyst du, mein Herr und mein Gott, in Ewigkeit.

Lieber Herr Gott, was du mir geben wirst, will ich mit fröhlichem Herzen zu Danke annehmen; was du mir aber nicht geben wirst, deß will ich gern entrathen: ich will mir genügen lassen gleich sowohl an einem wenigen Gut, als an großem Reichthum.

Lieber Vater! gieb uns das tägliche Brod, gut Wetter, Gesundheit, behüte uns vor Pestilenz, Krieg, theurer Zeit.; willst du mich aber eine Weile versuchen, und nicht sobald geben, so geschehe dein Wille. Ist’s die Zeit und Stündlein, so erlöse mich von dem Uebel; wo nicht, so gieb mir Stärke und Geduld.

Ach Gott, ich bin deine Kreatur und dein Werk: du hast mich erschaffen, ich will dir’s gar heimstellen, der du mehr sorgest, wie ich unterhalten werde, denn ich selbst. Du wirst mich wohl ernähren, speisen, kleiden und mir helfen, wo und wann du es am besten erkennest.

Was soll ich für meinen Bauch und Nahrung mich sorgen und ängstigen? Woher giebt Gott das Korn auf dem Felde, und alle Früchte, da die Welt mit aller ihrer Weisheit und Macht nicht vermöchte ein Hälmlein, ein Blättlein, ein Blümlein herauszubringen? Thut denn Christus, mein Herr und Gott, solches täglich, was will ich denn sorgen oder zweifeln, ob er mich auch könne oder werde ernähren? –

Ob ich gleich hier Armuth leide, schadet nicht; dennoch weiß ich, daß mich mein lieber Gott nicht wird lassen Noth leiden. Denn er hat mir Christum gegeben, und alle Seligkeit in ihm; er wird mir auch so viel zuwerfen, daß der Leib die kurze Zeit seines Lebens seine Nothdurft haben wird.

O lieber Herr! wenn du ja also mit mir handelst, will ich es mit Geduld leiden, und bekenne, daß ich wohl viel eine härtere Strafe verdienet habe; darum so erbarme dich mein; willst du ja nicht haben, daß ich soll ein Erbe seyn, so mache es doch mit mir also, daß ich möge ein Knecht bleiben; ja wie das cananäische Weiblein (Match. 15, 27) saget, will ich mich dessen nicht weigern, in deinem Hause ein Hündlein zu seyn, daß ich zum wenigsten die Brosamen essen möge, die doch sonst ohngefähr auf die Erde fallen und zertreten werden. Du bist mir von keinerlei Rechts wegen etwas schuldig; darum halte ich mich an deine Gnade und Barmherzigkeit.

Ich leide viel, und gehet mir übel. Aber meinen Feinden gehet es wohl. Sie leben, ich sterbe ohne Unterlaß. Sie sind mächtig und stark, ich werde ohne Unterlaß niedergedrückt. Sie sind in Ehren, ich in Schmach; sie im Frieden, ich in Unfrieden. Sie mehren sich, und haben ihrer viel, die ihnen günstig sind, die sie loben, die es mit ihnen halten. Ich bin allein, verlassen, und Niemand hälts mit mir, oder ist mir günstig. Ich bin ein Einsamer, von Allen verlassen und verachtet. Darum nimm du mich auf, und verlaß mich nicht. Eile du, mir zu helfen; denn alle Andere eilen, mich zu verderben, o Gott meines Heils, daß ich kein Heil noch Hülfe weder in mir selbst, noch in Jemand anders suche, denn bei dir alleine.

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